Lëtzeblog: “Sozialisten auf Verjüngungskurs”
Im Interview mit letzeblog.lu spricht der frisch gewählte LSAP-Generalsekretär Yves Cruchten über seine politischen Überzeugungen, seine neue Rolle in der Partei, von Bestrebungen zur “Verjüngung” der Mitgliederschaft und der Notwendigkeit generationenübergreifender Verantwortung in der Politik.
letzeblog.lu: Herr Cruchten, Sie wurden am 14. März 2010 vom Nationalkongress Ihrer Partei nahezu einstimmig (98,69%) zum neuen Generalsekretär gewählt. Was bedeutet Ihnen das große Vertrauen, das die LSAP-Delegierten in Sie gesetzt haben?
Yves Cruchten: Vor allem bedeutet es viel Arbeit. Es gilt zurzeit die bevorstehenden Gemeindewahlen vorzubereiten. Die guten Wahlergebnisse aus dem Jahr 2005 sollen wiederholt werden, auch wenn dies schwierig scheint. Vielleicht ist meine Wahl damit zu erklären, dass ich in der Partei wohl eine konsequente Meinung vertrete, jedoch stets bemüht bin, einen Kompromiss zu erarbeiten. Auch denke ich, dass die Partei sich mittelfristig “verjüngen” muss.
letzeblog.lu: Sie waren bereits Generalsekretär der LSAP-Jugendorganisation “JSL” (2000-2005), dann sog. “Organisationssekretär” der LSAP (2005-2007) und Vize-Präsident der Partei (2005-2010). Inwiefern helfen Ihnen diese früheren Erfahrungen bei Ihrer kommenden Arbeit?
Cruchten: Durch diese Funktionen habe ich das Innenleben der Partei kennengelernt. Ich weiß demnach auch wo der “Schuh drückt”. Eine über 100 Jahre alte Partei wie die LSAP zu erneuern ist keine leichte Aufgabe. Dennoch werde ich mich dieser Herausforderung stellen. Es hilft auf jeden Fall, zu wissen wie die Partei “von unten” funktioniert.
letzeblog.lu: Was ist überhaupt die Hauptaufgabe des LSAP-Generalsekretärs?
Cruchten: Die LSAP, das sind heute: 5.500 Mitglieder, 60 Sektionen, 3 Unterorganisationen. Meine Aufgabe sehe ich darin, den internen Dialog zu fördern, die Parteistrukturen zu modernisieren und die Kommunikation zu verbessern. Auch will ich mich darum bemühen, den Anteil an Frauen und jungen Mitgliedern zu erhöhen.
letzeblog.lu: Sie sind ebenso schon seit 2005 Mitglied im Gemeinderat von Bascharage, gelten aber in der Partei wohl als einer der “Hoffnungsträger” für höhere Ämter. Wann wechseln Sie eigentlich in die Chamber?
Cruchten: Der Posten des Generalsekretärs ist noch lange keine Freikarte für die Abgeordnetenkammer. Obwohl ich bereits für meine Partei bei den Kammerwahlen kandidiert habe, bin ich mit Leib und Seele Kommunalpolitiker. Der direkte Kontakt mit den Menschen ist auf kommunaler Ebene viel intensiver. Deshalb ist es eigentlich nicht so wichtig, ob und wann ich denn einmal in die Abgeordnetenkammer gewählt werden sollte. Darüber hinaus bin ich ein Verfechter der Trennung von politischen Mandaten (Stichwort: “député-maire”).
letzeblog.lu: Die LSAP fordert zur Bewältigung der Wirtschaftskrise einen neuen “Solidarpakt für die Zukunft”. Was beinhaltet dieser Pakt genau und was ist neu daran im Vergleich zu früheren Konzepten?
Cruchten: Der genaue Inhalt dieses Paktes wird zurzeit noch in der Partei ausdiskutiert. Wir müssen jedoch wissen, dass wir heute dabei sind, den zukünftigen Generationen eine große Belastung aufzuerlegen. Viel zu lange hat sich die Politik mit dem Heute und Jetzt beschäftigt anstatt auch mit dem Morgen und Übermorgen. Die Entscheidungen von heute beinträchtigen in besonderem Maße die Gegebenheiten der zukünftigen Generationen (Stichwort: Staatsverschuldung, Pensionskassen, Gehälterpolitik).
Angesichts dessen müssen wir dafür Sorge tragen, dass in Zukunft eine gute Ausbildung, sichere und anständige Arbeitsplätze und ein gut funktionierendes soziales Auffangnetz garantiert werden. Der Weg dorthin geht für die Sozialisten natürlich nur nach dem solidarischen Prinzip.
letzeblog.lu: Inwieweit sehen Sie diesbezüglich Fortschritte bei der Arbeit der aktuellen Regierungskoalition?
Cruchten: Ich denke, dass die Erkenntnis bei (fast) allen Parteien gereift ist, dass wir nicht weiter Politik auf Kosten der kommenden Generationen machen können. Dies wird sich in der Praxis jedoch als sehr viel schwieriger erweisen, als sich nur um die heutigen Gegebenheiten zu kümmern. Die aktuellen Diskussionen über unser Pensionswesen sind hierfür ein gutes Beispiel.
letzeblog.lu: Was sind für Sie persönlich Ihre wichtigsten politischen Anliegen? Was ist der Hauptgrund für Ihr Engagement in der Politik?
Cruchten: Als ich mit 19 Jahren berufstätig wurde, wurde mir schnell klar, dass auch im reichen Luxemburg die Umverteilung von Oben nach Unten nicht richtig funktioniert. Es existieren einfach zu viele Ungleichheiten in einer ungerechten Gesellschaft, auf die die Politik nur zaghaft reagiert. Es gilt heute endlich zu erkennen, dass wir nicht ausschließlich nach Wachstum streben sollten. Vielmehr sollten wir uns dem einzig wahren Begehren der Menschen widmen, nämlich ihrem gemeinsamem Wunsch nach Glück und Zufriedenheit. Zu lange haben wir den Menschen vorgegaukelt, dass nur der wirtschaftliche Erfolg und der Konsum zu ihrem Glück führen können. Dies führt jedoch dazu, dass wir unsere Umwelt zerstören und der Graben zwischen Arm und Reich kaum kleiner wird.
letzeblog.lu: Sie sind einer der wenigen “bloggenden” luxemburgischen Politiker/innen. Wie schätzen Sie das Potenzial des Internets für die politische Information und Diskussion, insb. in Bezug auf Luxemburg ein?
Cruchten: Dass so wenige Politiker bloggen ist für mich unverständlich. Längst ist das Internet für viele zur Hauptinformationsquelle geworden. Speziell für jene Politiker, denen nicht so häufig ein Mikrophon unter die Nase gehalten wird, ist das Blog (oder ist es der Blog?) eine interessante Möglichkeit, ihre Meinungen und politischen Ideen zu verbreiten. Leider bleibt mir aber immer weniger Zeit, mich mit dem Blog zu beschäftigen, dennoch werde ich versuchen, in regelmäßigen Abständen zu “posten”.
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